Stadttheater Giessen
    Wilde Tiere als Sinnbild für menschliches Verhalten

    Wilde Tiere als Sinnbild für menschliches Verhalten    


     „Dickhäuter - ein Elefantentreffen“: Tänzer und Zuschauer im Sog der Klänge
    „Dickhäuter - ein Elefantentreffen“ heißt die neue Tanztheaterproduktion des Stadttheaters von Mirko Hecktor und Tarek Assam. Die Premiere im Theaterstudio im Löbershof (TiL) am Freitag zeigte, dass sich die Choreographen gemeinsam mit Audioinstallateur Daniel Kluge eine vielseitige, optisch, akustisch und nicht zuletzt emotional bemerkenswerte Arbeit einfallen ließen. Elefanten oder Nachbildungen wurden nicht gesichtet.
    Wozu auch, die Macher haben sich eh auf Aspekte wie menschliche Merkmale der Tiere konzentriert und darauf, wie wir sie deuten. Sie betrachten die Dickhäuter als Projektionsflächen und abstrahieren die Tiere als Sinnbilder, um an ihrem Beispiel menschliches (gelegentlich auch mal elefantisches) Verhalten und Gefühl darzustellen.
    Es tanzen: Magdalena Stoyanova / Nina Plantefève-Castryck, Antonia Heß / Morgane de Toeuf, Ekaterine Giorgadze / Svende Obrocki, Hua-Bao Chien / Sven Krautwurst, Christopher Basile / Meindert Ewout Peters und Keith Chin / Alexey Dmitrenko.
    Als Hilfsmittel dienen im sparsamen Licht zahlreiche flache Fußschalter, mit denen die am Hals leicht grau geschminkten Tänzer den von Hecktor und Assam erdachten Soundtrack mitgestalten. Da ertönt ein Geräusch, ein Klang, ein Stückchen Mönchsgesang oder schlicht das englische Wort „Elephant“. Die Tänzer formen so den Soundtrack teilweise konkret mit, und zwar exzellent. Überhaupt gehen sie mit den akustischen Elementen fabelhaft um.
    Die überwiegend an der Grenze der Sichtbarkeit laufende, vornehmlich monochrom beleuchtete Produktion erzeugt allein schon dadurch eine konzentrierende Wirkung beim Betrachter, es gibt nichts Ablenkendes. Außer dem Soundtrack, einer gewagten und originellen rhythmischen Mischung aus Geräuschen, Musikfetzen und anderen Tönen und Klängen, die man generell als Musik wahrnehmen kann - Jazz, Didgeridoo, afrikanische Gesänge, Osteuropäisches und ein Stückchen Gitarrenpop von den „Ventures“, unter vielem anderen. Das allein schafft Raum zur Entdeckung (war da nicht auch ein Happen Tex-Mex drin?), überrascht den Zuschauer immer wieder und hält die Spannung aufrecht.
    Vielleicht das Eindrucksvollste ist jedoch die Art und Weise, wie diese Klänge einen Fluss erzeugen, von dem das gesamte Geschehen und der Betrachter mitgenommen und getragen werden. Das Ensemble, bestens motiviert und sensibel und souverän agierend bis in die Fingerspitzen, fügt sich vollkommen in diesen Flow ein, wird eins mit ihm, besonders in der Interaktion mit den Schaltern: faszinierend. Erstaunlich, wie leicht man im Abschied von eigenen Deutungserwartungen das Thema lediglich als Kristallisationspunkt akzeptiert, sich von den emotionalen Inhalten fesseln lässt, während man ab und zu mit ein paar Momenten typischen Elefantenverhaltens verblüfft wird, ganz lakonisch eingefügt.
    Insgesamt eine bemerkenswert ausbalancierte, mitreißende Arbeit; das Premierenpublikum war zu Recht höchst angetan.   Heiner Schultz, 6.12.2010, Gießener Anzeiger